Die Glocken in der Bötzinger evangelischen Kirche
Aus Anlass des 60. Jahrestages dieses bis heute hörbaren Beschlusses feierte die Kirchengemeinde am 11.Juli 2010 einen Festgottesdienst mit Kirchenchor und Bläserkreis.
Es gab damals drei Vorschläge des Glockenprüfungsamtes im Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe. Daraus wählte der Kirchengemeinderat die Variante mit den Tönen f’– as’ – b’ – des’’. Diese Disposition dürfte, so schrieb das Glockenprüfungsamt, klanglich sehr gut werden, da sie „die altkirchliche Intonationen des Gloria- und Tedeum-Motivs miteinander verbindet. Die Disposition ist als sehr abwechslungsreich und klanglich für jedermann befriedigend zu bezeichnen.“ – Das Tedeum wurde deshalb im Festgottesdienst in mehreren Variationen angestimmt, in der gregorianischen Version eg 191, mit der Orgelbearbeitung von Johann Sebastian Bach und am Schluss mit dem Choral „Großer Gott, wir loben dich.“ Alternativ hatte das Glockenprüfungsamt die Varianten f ’ – as’– b’ – c’’ oder ges’ – as’ – b’ – des angeboten.
Am 1. Advent 1950 läuteten die Glocken im Rahmen der feierlichen Glockenweihe zum ersten Mal.
Im Folgenden werden die Glocken nun vorgestellt:
Die tiefe Glocke: f’
ist das klangliche Fundament des Geläutes. Sie wiegt 750 kg und trägt die Inschrift: „Lobe den Herrn – seid dankbar in allen Dingen“. Diese Glocke läutet als Totenglocke morgens um 8.00 Uhr, wenn ein Gemeindeglied verstorben ist. Deshalb klingt diese Glocke in Moll. Vielleicht fragen Sie sich, wie eine Glocke, die nur einen Ton anschlägt, als Akkord klingen kann. Das liegt daran, dass immer auch Obertöne mitklingen, die mit dem Basiston gemeinsam einen Dur- oder Mollakkord bilden.
Eine derart schwere Glocke sollte nach dem Willen des KGR auf jeden Fall wieder in das Geläut aufgenommen werden, damit wenigstens Teile des Oberdorfes die Glocken hören.
Die zweite Glocke: as’
wiegt 400 kg und trägt die Inschrift: „Glaube an den Herrn Jesus Christus.“
Sie läutet für sich täglich um 6.30 Uhr, dazu im Sommer um 20.00 Uhr und im Winter um 18.00 Uhr. Außerdem läutet sie im Gottesdienst beim Vaterunser – es ist die Vaterunser-Glocke und am Samstagabend nach dem vollen Geläut. Morgens früh und am Abend erinnert sie uns daran, in Lob, Dank, Klage oder Bitte uns Gott zuzuwenden, zum Beispiel mit einem Vaterunser. Dafür ist immer Zeit, auch auf dem Feld, auch bei der Arbeit. Die Glocke unterbricht uns mit ihrem frohen Dur-Klang in unseren täglichen Geschäften und weist uns hin auf den, der für uns Mensch geworden ist, für uns gekreuzigt wurde und auferstanden ist. „Glaube an den Herrn Jesus Christus.“
Die dritte Glocke: b’
wiegt 300 kg und trägt die Inschrift: „Bleibet in meiner Liebe! Dem Gedächtnis unserer Gefallenen und Vermissten.“ Auch sie läutet täglich, und zwar um 11.00 Uhr und nur im Sommer zusätzlich um 16.00 Uhr. Wenn Sie daran denken, dass im Jahr 1950 fast jede Familie erst wenige Jahre vorher einen Menschen im Krieg verloren hatte und die Schicksale vieler Vermisster und Gefangener noch ungeklärt war, wird die Inschrift leicht verständlich. Und es ist auch klar, warum die Glocke mit ihren Obertönen in Moll erklingt.
Die Erinnerung an den gewaltsamen Tod vieler Männer aus dem Ort und das Gedächtnis der Verbrechen vor und während dem Krieg ist bis heute unverzichtbar. Und das Gedächtnis der Märtyrer, die in der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus um ihres Glaubens willen ermordet wurden, ist ebenso mit gemeint, wie sie im Text des Tedeum genannt werden.
Der andere Teil der Inschrift weist uns darauf hin, was wir als Christen der Gewalt und Menschenverachtung entgegensetzen sollen: Bleibet in meiner Liebe! Mitten im Alltag, um 11.00 Uhr und um 16.00 Uhr, werden wir daran erinnert, dass wir der Liebe Gottes alles verdanken und deshalb in ihr bleiben sollen, auch und gerade in den alltäglichen Dingen. Die Liebe gilt dabei in der Beziehung zu Gott, den Nächsten und zu sich selber. Und zum liebevollen Umgang mit sich gehört eine Pause. So ist das 11.00 Uhr – Läuten bis heute oft das Signal zum Vespern…
Am jedem Sonntag erinnert diese dritte Glocke die Gemeindeglieder um 9.00 Uhr daran, dass in einer Dreiviertelstunde der Gottesdienst beginnt.
Die vierte Glocke: des’’
ist mit einem Gewicht von 200 kg die Leichteste mit der Inschrift: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein“. Für sich alleine erklingt sie bei Taufen und Konfirmationen. Sie ist also unsere Taufglocke und zeichnet sich durch einen wunderbar hellen Dur-Klang aus.
Das volle Geläut alles vier Glocken
erklingt am Samstagabend um 20.00 Uhr, in der Winterzeit um 18.00 Uhr je für 7 Minuten und läutet damit den Sonntag ein. Am Sonntag selbst und allen Feiertagen läutet es 15 Minuten lang den Gottesdienst ein und am 1.1. für gut 10 Minuten das neue Jahr. Außerdem läuten alle Glocken für 5 oder 10 Minuten bei den anderen gottesdienstlichen Anlässen, zum Beispiel bei Schulgottesdiensten, und auch, wenn wir einen Menschen aus unserer Gemeinde zu Grabe tragen müssen.
Mitunter wird darüber diskutiert, ob das Geläut vor dem Gottesdienst klingt oder schon zum Gottesdienst gehört. Bilden Sie sich ihr eigenes Urteil. Persönlich denke ich, dass der Weg zum Gottesdienst bereits Teil des Gottesdienstes ist, weil die Gedanken und Sinne sich darauf einstellen.
Mit diesem Geläut ist der christliche Glaube in unserem Ort präsent, zusammen mit den Glocken der katholischen Kirche. Beide Geläute passen gut zusammen. Die Glocken sind der klangliche Ausdruck dafür, dass die Gemeinde sich nicht selber genügt, sondern darum weiß, dass Glaube, Hoffnung und Liebe von Jesus Christus her allen Menschen gegeben ist, damit alle aus Einsamkeit und Ängsten gerettet werden.
Dabei nimmt unser Geläut die Klänge des Tedeum auf. Es beginnt mit den Zeilen:
Herr Gott, dich loben wir, Herr Gott, wir danken dir.
Dich, Vater in Ewigkeit, ehrt die Welt weit und breit.
Bötzingen, im Juli 2010
Rüdiger Schulze, Pfarrer
Quellen:
Ev. Kirchengemeinde (Hrsg.), 400 Jahre Evangelische Kirche in Bötzingen, Bötzingen 1983, S. 63-66
Unterlagen aus dem landeskirchlichen Archiv









